The Creative Act: A Way Of Being – Wieso ist das Buch von Rick Rubin für Produktmenschen so relevant?

Rick Rubin (2023): The Creative Act: A Way of Being. Canongate Books Ltd. 20,99€
Rick Rubin (2023): kreativ. Die Kunst zu sein. O.W. Barth. 24,00€

Selten erscheinen Bücher, die offensichtlich wenig mit Produktmanagement zu tun haben, obwohl sie sehr viel mit Produktmanagement zu tun haben. Der legendäre Musikproduzent Rick Rubin, der unter anderem mit Run-D.M.C., Public Enemy, den Beastie Boys, Eminem, Slayer, Metallica, Johnny Cash, den (Dixie) Chicks, Danzig, System of a Down, Rage Against the Machine, Weezer, den Strokes, Adele, Kesha oder Lady Gaga gearbeitet hat, hat so ein Buch geschrieben. Was macht dieses Werk so besonders? Wieso findet es beispielsweise beiläufig in Lennys Newsletter Erwähnung, wenn es um das Finden von Product-Market-Fit im B2B-Kontext geht und wieso schreibt Marty Cagan einen Blog Artikel darüber, dass dies ein besonderes Buch ist? Schnallt Euch an, ich erzähle es Euch.

Worum geht es in 'kreativ. Die Kunst zu sein'?

Ganz allgemein gesprochen geht es im Buch darum, eine Haltung zu entwickeln, die der Kreativität förderlich ist. Bevor ich versuche, diese Haltung konkret zu beschreiben, möchte ich einen Gedanken vorweg äußern: Wer dieses Buch bespricht und mit einem Modell oder Framework zusammenfasst, hat es nicht verstanden. In jedem zweiten Kapitel wird unterstrichen, dass hier nur Gedankenanstöße gegeben werden und jeder seinen eigenen Weg finden muss.

Nothing in this book is known to be true. […] Some ideas may resonate, others may not. […] Use what’s helpful. Let go of the rest.
— Rubin 2023

Damit Ihr dennoch eine Idee dafür habt, worum es geht, versuche ich mich an einer Zusammenfassung der in meinen Augen zwei großen Pfeiler des Buches. Tut Euch aber den Gefallen und betrachtet diese nicht als Formel oder Prozess – ich versuche lediglich eine Diskussionsgrundlage zu schaffen.

Tuning-In & Tuning-Out

Es zieht sich ein Bild durch das Werk, welches den Menschen als von Grund auf kreatives Wesen sieht. Kreativität bezieht sich dabei nicht nur auf künstlerisches Arbeiten, sondern ganz grundsätzlich auf das Verhältnis zu unserer Umwelt. Jede Wahrnehmung, die uns bewusst wird oder uns unbewusst beeinflusst, inspiriert neuen Gedanken. Diese manifestieren sich dann wieder in neuen Handlungen, aus welchen wiederum neue Wahrnehmungen resultieren – und der Kreis beginnt von vorne. Klingt abstrakt und kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach. Ein konkretes Beispiel: Verbringt man ein Jahr mit Reisen, wird dies die Sensibilität für kulturelle Besonderheiten der eigenen Kultur schärfen. Man beginnt Dinge wahrzunehmen, für die man sonst blind gewesen wäre und verhält sich anders.

Tuning-In bezeichnet dabei den Prozess, die Aufmerksamkeit bewusst auf die Dinge zu steuern, die unserer Kreativität förderlich sind. Wieder konkret gesprochen: Wer eine bessere Intuition für Entscheidungen im Rahmen des digitalen Produktmanagements entwickeln will, kann dies dadurch tun, erfolgreiche Apps zu analysieren und Hypothesen darüber aufzustellen, warum diese erfolgreich sind. Mit der Zeit formen sich Muster und Zusammenhänge, die unseren Blick für Gutes stärken. Im Ergebnis haben wir eine bessere Intuition für Entscheidungen im Produktmanagement.

Because there’s an endless amount of data available to us and we have a limited bandwidth to conserve, we might consider carefully curating the quality of what we allow in. […] Level up your taste.
— Rubin 2023

Tuning-Out – es geht Rubin aber nicht nur darum, mit welchen Einflüssen wir uns bewusst befassen, sondern auch darum, welche wir bewusst ausblenden. Konkret: Jemand der selbst sehr viele mittelmäßige Apps und Plattformen benutzt, wird es schwer haben, ein starkes Bild von Exzellenz zu entwickeln.

Tuning-In und Tuning-Out bezieht sich aber nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf unsere Persönlichkeit und unser Bewusstsein. So hat beispielsweise jeder von uns im Heranwachsen Stimmen verinnerlicht, die auch unser erwachsenes Denken beeinflussen. Sei es eine besonders kritische Mutter, ein immer lobender Vater, eine Lehrerin, die im kritischen Moment an uns geglaubt hat oder ein Sporttrainer, der sich sicher war, dass nie etwas aus uns werden wird. Diese Einflüsse gilt es sich bewusst zu machen, um sie im richtigen Moment zu verstärken oder verstummen zu lassen.

Mit dieser bewussten Grundhaltung widmen wir uns nun dem kreativen Prozess selbst.

Der kreative Prozess

Noch einmal betont: Rubin spricht ausdrücklich und mit Nachdruck immer wieder davon, dass jeder seinen eigenen kreativen Prozess schaffen muss und er lediglich Denkanstöße geben will. Mit diesem Disclaimer aus dem Weg, zeichne ich einmal knapp die Stufen, die er beschreibt.

Samen (Seeds) entstehen in Momenten der Inspiration, die tagein und tagaus in unsere Wahrnehmung gelangen. Eine Idee für ein Bild, eine neue Assoziation zwischen zwei Frameworks. Rohdiamanten von Ideen also, von denen viele niemals zur Umsetzung gelangen, die aber das Potenzial dafür tragen. Diese gilt es zu sammeln und sich bewusst zu machen, um die besten davon zu entwickeln.

Experimente (Experimentation) sind nötig, um die Samen wachsen zu lassen. Klingt die Idee nur gut im Kopf oder funktioniert sie auch in der Umsetzung? Wir müssen es ausprobieren. Und was lernen wir dann daraus? Entwickelt sich eine Idee etwa in eine ganz andere Richtung? Wichtig ist hier, sich immer wieder neu leiten zu lassen und nicht an einer ersten Vorstellung festzuhalten.

Im folgenden Schritt, der Erarbeitung (Crafting), geht es dann darum, Ideen zu verwerfen und den Raum an Möglichkeiten wieder einzuschränken. Wir bauen Prototypen, malen Bilder, schreiben Texte – halten verschiedene Versionen nebeneinander, um zu immer stärkeren Ergebnissen zu kommen.

Abschließend (Completion) gilt es dann, alles Gelernte aus der Erarbeitungsphase zu reflektieren und in einem stimmigen Ergebnis abzurunden. Das ist auch der Moment, in dem wir unsere Werke veröffentlichen. Da hier auch klar wird, ob die Welt den Ergebnissen unserer Kreativität mit Indifferenz, Kritik oder Lob gegenübersteht, ist dies für viele der emotionalste Aspekt der Arbeit.

Wieso ist The Creative Act im Produktmanagement relevant?

Auf den ersten Blick finden sich viele Analogien zum Design Thinking: das Erarbeiten von Ideen, nachdem man eine offene Perspektive gewonnen hat, das Hervorbringen zahlreicher Ansätze, das Experimentieren mit verschiedenen Möglichkeiten – all das klingt vertraut. Resoniert das Buch also so stark, weil es Produktleuten intuitiv logisch erscheint? Ich glaube, so einfach ist es nicht. Wenn es ausreichen würde, Analogien zu bekannten Paradigmen zu ziehen, um Relevanz zu gewinnen, wären viele andere Publikationen erfolgreicher. Die Wahrheit liegt, meiner Meinung nach, tiefer. Rubin trifft sowohl mit dem Inhalt als auch mit seinem Schreibstil einen Nerv unserer Community.

Any Framework, method, or label you impose on yourself is just as likely to be a limitation as an opening.
— Rubin 2023

Als Produktmenschen bewegen wir uns in einer Welt, in der auf Konferenzen und in Büchern unzählige Antworten präsentiert werden: „So muss Deine Strategie gestaltet werden, damit die Interaktionen verzehnfacht werden!“„Mit diesem Framework ist die gesamte Organisation perfekt ausgerichtet!“„Mit diesem einfachen Trick funktioniert das Product-Trio einwandfrei!“„Mit dieser Methode zur Selbstorganisation und Priorisierung verschwindet die Überforderung im Arbeitsalltag!“„Mit diesen Argumenten überzeugst Du die Geschäftsführung, die Teams zu empowern!“

Ihr wisst sicher, was ich meine. Ich finde es grundsätzlich hilfreich, Ansätze und Lösungen für die Herausforderungen unseres Alltags zu erhalten. Sie eröffnen neue Perspektiven und zeigen uns, dass wir mit unseren Problemen nicht allein sind. Doch all diese Antworten – Modelle, Frameworks, Canvases, Prozesse und Weisheiten – funktionieren immer nur in spezifischen Kontexten. In anderen Situationen sind sie bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls hinderlich, weil sie unser Denken und unsere Aufmerksamkeit auf festgelegte Bahnen lenken – und so unsere gedankliche Flexibilität einschränken.

Das Problem, dass die Lösungen der Thought-Leader der Szene oft nicht auf unsere individuellen Kontexte passen, kennen alle, die bereits einige Jahre im Produktmanagement tätig sind. Warum ändert sich an diesen Themen dennoch so wenig? Der Schlüssel zu dieser Frage liegt in der Aufmerksamkeitsökonomie. Antworten und klare, starke Aussagen erzielen einfach mehr Resonanz – und ich nehme mich davon nicht aus. Wie spannend klingt schon ein Vortrag mit dem Titel: „Mit diesem Modell kann man in einigen wenigen Fällen Erfolg haben“?

Rubin gelingt mit seinem Buch jedoch ein Geniestreich: Er bietet gerade für Produktleute Inspiration, ohne auf konkrete Antworten zu bestehen. Er bietet viele Antworten an, betont jedoch die individuelle Suche nach Antworten. Sein Werk zeigt, wie wir unsere Kreativität nutzen können, um uns in einer Umwelt, die ständig kreative Lösungen erfordert, besser zurechtzufinden. Dabei ermutigt er uns in jedem Schritt, eigene Wege zu gestalten. Das ist nicht nur ein erfrischender Gegenentwurf zur dominanten Aufmerksamkeitsökonomie, sondern auch empowernder als jede Transformation, die Empowerment von Außen an ein Team heranträgt.

Ich bin ProduktmanagerIn - Sollte ich The Creative Act: A Way of Being lesen?

Ja! Produktmanagement ist eine Disziplin, die auf allen Ebenen Kreativität erfordert. Sei es im Umgang mit Stakeholdern, in der Erarbeitung neuer Features oder in der Frage, wie sich ein MVP früher releasen lässt – kreatives Denken ist unser tägliches Handwerk. Rick Rubin hat ein Buch geschrieben, das in einer Welt voller vorgefertigter Antworten keine konkreten Lösungen liefert, sondern unsere Fähigkeit zur eigenen Lösungsfindung stärkt. Gerade in unserer zunehmend komplexen Rolle ist das ein unschätzbarer Vorteil. Dass Rubin dabei in seiner prägnanten Sprache dennoch zahlreiche Denkanstöße und mögliche Ansätze anbietet, verleiht dem Buch die notwendige Bodenhaftung – und macht es zu einer Pflichtlektüre für Produktmenschen.

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