Impact First Product Teams von Matt LeMay: Erklärung und Rezension
LeMay, Matt (2025). Impact First Product Teams. Define Success. Do Work That Matters. Be Indispensable. 21,30€
Es führt kein Weg daran vorbei anzuerkennen, dass die letzten zweieinhalb Jahre für die Digitalwirtschaft in Deutschland herausfordernd waren. Seit dem Ende der Niedrigzinspolitik ist Fundraising schwieriger geworden und unzählige Unternehmen mussten ihre Profitabilität stärker in den Fokus rücken. Die Folgen dieses schnellen Schwenks haben wir alle beobachtet: Konzerne und große Mittelständler haben Federn gelassen, während kleinere Start-ups froh sind, wenn sie überhaupt noch existieren.
Während diese wirtschaftliche Lage für individuelle Schicksale tragisch ist, bringt auch eine unbequeme Wahrheit ans Licht: In vielen Organisationen hat die Reduktion des Headcounts nicht zwangsläufig zu einem Umsatzrückgang geführt. Was ist also los? Wieso lässt sich die Anzahl von Product-Teams in so vielen Unternehmen reduzieren, ohne dass dies einen deutlichen Einfluss auf das Geschäftsergebnis hat? Und wenn es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Arbeit vieler Teams und der Bottom-Line gibt – was sagt das dann über den Wert unserer Arbeit?
Matt LeMays neues Buch Impact First Product Teams – Define Success. Do Work That Matters. Be Indispensable. setzt sich mit genau diesen Fragen auseinander – und trifft damit einen Nerv! Aber fangen wir am Anfang an: Was versteht LeMay unter einem Impact First Product Team?
Was ist ein Impact First Product Team?
Ein Impact First Product Team setzt in jedem Aspekt seiner Arbeitsweise eine klare Priorität auf das Wirken auf den Unternehmenserfolg. Unter der Überschrift "The Business is Your Business" führt uns der Autor in seinen Ansatz ein, der die Verantwortung von Product-Teams stark in das Gesamtunternehmen integriert. Dabei geht es um den Fokus auf die unmittelbare Verbindung zwischen Business und unserer alltäglichen Arbeit – und nicht die Details dazwischen. Das gelingt, indem die Teams zuerst die Frage stellen, was ein Unternehmen als nächstes erreichen will, um dann alle Aspekte ihrer Arbeit darauf hin zu optimieren.
Das Buch beschreibt dabei drei konkrete Haltungen eines Impact First Product Teams:
Fokus auf echten Impact: High Impact Product Teams setzen sich Ziele, die das Potenzial haben, einen messbaren, positiven Effekt auf das Business zu haben – auch wenn diese Ziele schwer zu erreichen sind oder viele Abhängigkeiten zu anderen Teams haben. Sie suchen gezielt nach den größten Hebeln, anstatt sich auf bequeme, klar abgrenzbare Aufgaben zu konzentrieren.
Impact ist Teamverantwortung: In einem Impact First Product Team liegt die Verantwortung für Business Impact nicht allein bei ProduktmanagerInnen. Auch Engineers, DesignerInnen und alle anderen Beteiligten müssen ihre Arbeit auf das Unternehmensziel hin optimieren und das Team in die Verantwortung nehmen.
Prozesse sind Mittel zum Zweck: Impact First Product Teams verlieren sich nicht in Prozessen, Frameworks und Methoden, sondern setzen diese bewusst als Werkzeuge für den Business Impact ein – und nicht als Selbstzweck.
Diese Denkweise mag an manchen Stellen unorthodox erscheinen. Ist es nicht die explizite Aufgabe von Produktmanager:innen, den Business Value im Blick zu behalten? Sollten Teamziele nicht klar abgegrenzt sein, damit autonom gearbeitet werden kann? Hier lesen wir das Gegenteil dessen, was ansonsten häufig geschrieben wird. Also wie kann das funktionieren?
Wie arbeiten Impact First Product Teams?
LeMay beschreibt fünf zentrale Prinzipien, welche die praktische Arbeit von Impact First Product Teams besonders machen:
1 - Impact an erste Stelle setzen
„Was sind die messbaren Bedingungen die gegeben sein müssen, damit unser Unternehmen an einem spezifischen Punkt in der Zukunft erfolgreich ist?“
Während klassische Teams an ihrem Output gemessen werden (also daran, welche Features sie gebaut haben), fokussieren sich moderne, outcome-orientierte Teams auf das Verändern bestimmter Verhaltens-KPIs ihrer NutzerInnen. Impact First Teams gehen noch weiter: Sie hinterfragen nicht nur, wie Nutzerverhalten beeinflusst werden kann, sondern ob dieses Verhalten tatsächlich einen messbaren finanziellen Effekt auf das Business hat.
2 - Impact-getriebene Zielsetzung
„Welchen messbaren Beitrag wird dieses Team leisten, um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft als ein erfolgreicher Teil des Unternehmens zu gelten?“
Ein weiterer spannender Unterschied zur gängigen Praxis vieler Unternehmen liegt in der Art und Weise, wie Ziele gesetzt werden. LeMay argumentiert, dass Teamziele niemals mehr als eine Ebene von den Unternehmenszielen entfernt sein sollten. Dies steht im Gegensatz zur oft genutzten Kaskadierung von OKRs, bei der sich Teams über viele Zwischenschritte von den eigentlichen Unternehmenszielen entfernen. Beispiel: Eine schnellere Registrierung führt zu mehr Nutzern auf der Plattform → mehr Zeit in der App → häufigeres Ansehen der Paywall → häufigerer Kauf. Das Problem: Je weiter das Teamziel vom Business Impact entfernt ist, desto mehr verwischt der Fokus.
3 - Prozesse auf Impact ausrichten
„Wer muss was für uns tun, damit wir unsere Ziele erreichen - und warum sollten sie es tun?“
Viele Teams verlieren sich in Routinen, Workshops und Methoden, die einfach aus der Gewohnheit heraus weitergeführt werden, ohne dass den Beteiligten noch klar ist, warum diese einmal eingeführt wurden. Impact First Product Teams verstehen, dass all diese tradierten und gut dokumentierten Best Practices wichtig sind – aber nur, wenn sie gezielt für den Business Impact eingesetzt werden und nicht aus reiner Gewohnheit oder als Cargo-Kult.
4 - Impact realistisch einschätzen
„Was ist die größte Wirkung, die wir vernünftigerweise von einem bestimmten Arbeitsergebnis erwarten können?“
Impact First Product Teams sind sich bewusst, dass sie die Zukunft nicht exakt vorhersagen können. Aber sie nutzen pragmatische Methoden und gezielte Annahmen, um zumindest Ideen mit wenig Potenzial frühzeitig auszuschließen und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Die scheuen sich nicht vor Paper-Napkin-Business Cases, sondern umarmen die schnelle Rechnung als Wegweiser für die Arbeit.
5 - Fortlaufende Anpassung an den tatsächlichen Impact
„Welche spezifischen kurzfristigen Signale sollten wir sehen, wenn wir auf dem Weg sind, unsere Impact-Ziele zu erreichen?“
Impact First Product Teams sind Meister darin, ihre Planung iterativ anzupassen. Wenn eine Produkt-Wette nicht aufgeht, justieren sie ihren Kurs frühzeitig, anstatt erst am Quartalsende eine ernüchternde Bilanz zu ziehen. Sie setzen sich sinnvolle Zwischenziele, messen kontinuierlich den Fortschritt und passen ihre Planung flexibel an.
Die Arbeitsweise von Impact First Product Teams zusammengefasst
Impact First Product Teams unterscheiden sich von außen betrachtet nicht drastisch von anderen Teams. Sie nutzen oft dieselben Routinen, Tools und Prozesse. Der Unterschied liegt in der Haltung: Sie richten ihre gesamte Arbeitsweise kompromisslos auf den Business Impact aus und arbeiten von dort zurück. Dieser scheinbar kleine Unterschied macht in der Praxis einen großen Unterschied, denn alle Details folgen einem roten Faden, dessen Anfang sich im Erfolg des Unternehmens findet.
Fazit: Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit! – Absolute Leseempfehlung!
Ich glaube jede Produktperson sollte sich mit Impact First Product Teams befassen! Warum halte ich dieses Buch für so relevant? Weil ich in letzter Zeit immer wieder dieselbe Diskussion erlebe: Auf Meetups und in Gesprächen mit anderen Product Managern höre ich Sätze wie: „Früher konnten wir für den Nutzer da sein, aber jetzt reden alle nur noch von Geld. Wann können wir endlich wieder guten, nutzerzentrierte Arbeit machen?“
Diese Frage zeigt ein Missverständnis, das sich über die Jahre eingeschlichen hat: Die Idee, dass wir nicht für ein Business arbeiten, sondern für die Nutzer. Die Kehrseite dieser Medaille? Wenn unsere Arbeit nicht essenziell für das Business ist, dann sind wir als ProduktmanagerInnen und Product Teams auch nicht essenziell. Doch starkes Product Management ist immer beides: Nutzerzentriert und auf Business Impact fokussiert.
In Zeiten, in denen die Digitalwirtschaft massiv unter Druck steht, ist eine Schärfung des Bewusstseins dafür, dass wir Nutzerlösungen entwickeln, die gleichzeitig das Business vorranbringen wichtiger denn je. Impact First Product Teams vermittelt mit vielen Beispielen und Leitfragen praxisnah, wie wir als Product Manager unmittelbar stärkeren Wert schaffen und damit unsere Arbeit wirksamer machen können. Ein absolutes Must-Read für alle, die sich nicht nur als Feature-Lieferanten und Nutzer-Advokaten, sondern als strategische Treiber für die Organisation als Ganzes verstehen wollen.