Buch-Rezension: The Best of Lenny's Newsletter Volume 1

Rachitsky, Lenny Hrsg. (2024). The Best of Lenny’s Newsletter Volume 1. Insights, frameworks and practical advice from the world’s top product experts. 28,21€

Ich bin vermutlich nicht alleine mit der Meinung, dass die Arbeit, die Lenny Rachitsky leistet, einen enorm positiven Einfluss auf die Verbreitung von Wissen rund um digitales Produktmanagement hat. Die beiden großen Medien Lenny's Newsletter und Lenny's Podcast sind in den letzten Jahren zu wichtigen Quellen für das Handwerk des digitalen Produktmanagements geworden.

Als Bücherwurm und Freund von Lenny's Arbeit konnte ich natürlich nicht widerstehen, als im vergangenen Jahr die Sammlung der besten Artikel aus Lenny's Newsletter erschienen ist. Kurzerhand habe ich mir das inzwischen ausverkaufte Buch bestellt. Ob sich das Lesen grundsätzlich lohnt und ob man sich ärgern muss, wenn man kein Exemplar ergattert hat, will ich euch hier einmal darlegen.

The Good

Offensichtlich und subjektiv als Erstes: Wenn man das Gefühl von Papier in den Händen mag und auch als Digital Worker lieber auf Papier als auf Bildschirmen liest, ist es einfach angenehm, die Haptik der Buchform zu haben. Alle Inhalte des Buches finden sich auch online, aber ich bin einer dieser Menschen, die sich im Analogen einfach tiefer fokussieren können, und daher gefällt mir die Form schon mal.

Auch inhaltlich finden sich in den insgesamt 19 Artikeln wirklich wertvolle Highlights, die in meinen Augen jeder Produktmensch gelesen haben sollte. Ich verlinke hier einmal meine persönliche Top 3.

Wie Duolingo das Nutzerwachstum neu entzündet hat

Hast du dich jemals gefragt, wie das Streak-Feature von Duolingo zu dem starken Retention-Booster geworden ist, den wir heute kennen und der Einzug in gefühlt jeder zweiten App gefunden hat? (Ich habe vier aktive Streaks am Laufen, wer bietet mehr?) Im meistgelesenen Artikel von Lenny's Newsletter wird die Genese dieses genialen Features, inklusive der schweren Geburt und der starken BI hinter dem Feature erklärt. Absoluter Must-Read!

Link: How Duolingo reignited user growth von Jorge Mazal

Ein Schnellstart zur Positionierung

Positionierung von digitalen Produkten ist auf der Oberfläche einfach. Es wird definiert, in welchem Bereich ein Produkt führend sein soll und für welche klar umrissene Käufergruppe das relevant ist. Im Artikel wird beschrieben, wieso die simplen Vision Statements ("Unser Produkt ist ein Kategorie, welches besondere Eigenschaft hat, um Nutzergruppe zu ermöglichen Wertversprechen. Anders als Mitbewerber, machen wir Abgrenzung") schädlich sein können. Stattdessen legt April Dunford in kurzen Worten ihr alternatives Modell dar, welches mit klarer Nutzerzentrierung arbeitet.

Link: A Quickstart Guide to Positioning von April Dunford

Wie man Product Sense entwickelt

Product Sense ist ein Begriff, der, wenn wir Google Trends glauben schenken dürfen, seit zirka 2021 zunehmend an Relevanz gewinnt. (Fun Fact: Der Peak in der obigen Kurve ist der Release des hier besprochenen Artikels). In dem starken Post wird Product Sense zunächst als die Fähigkeit definiert, konsistent Produkte zu bauen oder so zu verändern, dass ein gezielter Einfluss auf das Nutzerverhalten stattfindet. Als Grundlage für diese Fähigkeit werden Empathie und Kreativität benannt, und Jules Walter führt anhand einfacher Beispiele starke Techniken für die Entwicklung des individuellen Product Senses ein.

Link: How to develop product sense von Jules Walter

The Bad

Leider findet sich neben Licht auch Schatten. Beginnen wir mit der Kritik auf der inhaltlichen Seite: Zwar bietet das Buch absolut herausragende Artikel, wie die oben beschriebenen und verlinkten. Leider finden sich aber auch Beiträge, in denen einfach Antworten von Product Leadern zu bestimmten Fragestellungen gesammelt wurden. Diese Sammlungen sind ohne tiefen Kontext dann etwas beliebig.

Ein Artikel, der gut beschreibt was ich meine, handelt davon, wie man seine ersten 10 B2B-Kunden findet. Da hören wir dutzende persönliche Anekdoten darüber, dass die ersten Nutzer von Notion oder Figma mit dem Team befreundet waren, dass das Personio-Team für die ersten zahlenden Kunden ganz schön buckeln musste oder bei Vanta auch mal Investoren gefragt wurden, welche potenziellen Kunden sie im Portfolio haben. Das ist zwar irgendwie nett zu lesen, aber einen Mehrwert für meine alltägliche Arbeit erkenne ich in diesen binsehaften Zitaten leider absolut nicht.

Link: How to find your first 10 B2B customers von Lenny Rachitsky

Neben (wenigen) schwächeren Inhalten, muss auch erwähnt werden, dass die Gestaltung und das Layout des Buches teilweise etwas lieblos daherkommen. Offenbar wurden die Web-Inhalte hier ohne spezielle Anpassung im Buch abgedruckt. Das Problem dabei: Inhalte, auf die man im Web hineinzoomen kann, lassen sich gedruckt nicht einmal erkennen. Die kleinen Texte am Rennauto sind beispielsweise nur 1mm hoch (Kugelschreiber für die Referenz). Ich will ja nicht kleinlich sein, aber ein wenig mehr Liebe im Design hätte dem Werk hier schon gut getan.

The Fazit

Die Inhalte aus Lenny's Letter sind von fast durchgehend wahnsinnigem Mehrwert für die Produktarbeit und das Buch hat in der Tat eine starke Sammlung vereint. Wer es gerne haptisch hat, findet im ersten Volume vom Best of Lenny's Newsletter eine nette Ergänzung für die Fachbibliothek.

Gerade vor dem Hintergrund, dass die Gestaltung nicht an das Print-Format angepasst wurde, kann ich aber jeden und jede beruhigen, der oder die kein Exemplar ergattert hat: Ihr habt nichts verpasst. Bevor ihr euch also auf die Suche nach einer Kopie begebt, hört lieber Lenny's Podcast oder lest Lenny's Blog.

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